Bernd Lötsch: schon 1973 alarmierende Rede zur Rettung der Lobau

Er ist Ökologe und Umweltwissenschaftler, hat maßgeblich dazu beigetragen, das Atomkraftwerk Zwentendorf und das Kraftwerk Hainburg zu verhindern und gilt als Mitbegründer des Nationalparks Donau-Auen. 15 Jahre lang war Bernd Lötsch Generaldirektor des Naturhistorischen Museums Wien. Zur dramatischen Situation der Lobau und im Sinne einer menschengerechten Stadt hat er bereits 1973 (!!) eine alarmierende, 50-minütige Rede gehalten.

Auszüge aus einer Tonbandaufnahme in Original-Zitaten, erstmals veröffentlicht:

DER “UNANTASTBARE” WALD- UND WIESENGÜRTEL

„Die Besonderheit von Wien ist es, dass ein unschätzbares Erbe, ein Geschenk aus der Vergangenheit, auf die Planer übergegangen ist, und das ist, soweit man ihn noch nicht zerstört hat, der Wald- und Wiesengürtel.“

„Der ursprünglichste Teil des Wald- und Wiesengürtels ist die Lobau, die größte und schönste Aulandschaft Mitteleuropas. Sie ist erfüllt von einem, auf Großstadtgebiet einzigartigem Leben. Und es ist eigentlich traurig, dass es heute nötig ist, ein Erholungsgebiet innerhalb Wiens zu verteidigen, das schon 1905, 1928, 1937 durch Gemeinderatsbeschlüsse als unantastbar erklärt wurde, dem bisher nur die Hitler-Ära tiefere Wunden schlagen konnte – die man allerdings dann bereitwillig vergrößert hat.“

BETONKASERNEN UND DIE DURCHKONSTRUIERTE UMWELT

„Mit tiefer Sorge erfüllt heute die Kritiker modernen Städtebaus die servile Monotonie, die Verödung und Verarmung der Formen durch die Betonkasernen der Reißbrettstädte. Die uniformierte Gesichtslosigkeit hastig aufgetürmter Neustadtviertel, die kaum fertig, zu Brutstätten von tödlicher Langeweile, psychischen Defekten bis zur Kriminalität werden. So lauten jedenfalls die Diagnosen der Sozialhelfer und Mediziner. Steigender Schlafmittelkonsum, steigende Scheidungs- und Selbstmordrate im konturlosen Einerlei der Vorstädte.“

„Warum? Eine Antwort ist, weil man geglaubt hat, dem Menschen mit dem Rechenstift allein eine Umwelt konstruieren zu können. Man hat an alles gedacht, nur nicht an den Menschen. Man hat sein Gefühlsleben, jawohl, seine emotionellen Bedürfnisse vernachlässigt.“

„Wo soll unsere Jugend in einer durchkonstruierten Umwelt einer modernen Großstadt echte Erlebnisräume finden? Nur mehr auf den viel zu wenigen Sportplätzen im Schatten der Zinskasernen oder in den Betonbecken der Kinderfreibäder? Das ist ja alles sehr gut gemeint, aber selbst in der Zoogestaltung ist man über diese Asphaltmentalität schon hinaus.“

DAS AUTO IST UNERSÄTTLICH

„Man musste für den täglichen Radialverkehr und die langen Berufsanfahrten die Straßen verbreitern, und immer mehr wurde die Stadt entgrünt und unmenschlicher.“

„Man opfert die Städte und man kommt dann drauf, dass man zur Verkehrsspitze selbst auf einer sechsspurigen Stadtautobahn für eine Strecke von fünf Kilometern eine Stunde braucht.“

„Man kommt drauf, dass das Auto unersättlich ist, denn je mehr Straßen man baut, umso mehr erhöht man den Anreiz, das Auto in die Stadt mitzunehmen und umso rascher sind die neuen Straßen wieder verstopft. Deshalb heute die weltweite Abkehr von einer Überbewertung des Individualverkehrs im Stadtinneren.“

„Letztendlich stehen am Ende dieser Entwicklung der Überbewertung des Kraftfahrzeugs im Stadtbereich die gescheiterten amerikanischen Versuche, die autogerechte Stadt zu schaffen.“

UNSERE WERTE SIND IN GELD NICHT QUANTIFIZIERBAR

„Die Verkehrsplaner werden sich daran gewöhnen müssen, dass ein Naturreservat jede Trassenführung ausschließt, dass ein Erholungsgebiet ebenso respektiert werden muss, wie ein See, ein Berg oder irgendein topographisches Hindernis auch.“

„Die Kräfte, die die Lobau zerstören, die können ihre Anliegen durch Kosten-Nutzen-Rechnungen monetarisieren. Die Werte, für die wir eintreten, Gesundheit und Wohlbefinden, sind nicht weniger real. Sie sind nur in Geld nicht quantifizierbar und deshalb fallen sie immer wieder dem ökonomischen Denken zum Opfer.“

„Erst wenn wir begriffen haben, dass bei der Gestaltung einer dem Menschen gemäßen Umwelt die Sorge für seine emotionellen Bedürfnisse ebenso berechtigt ist, wie die Sorge um die Beseitigung seiner Fäkalien, dann werden wir das auf dem Reißbrett des Technokraten zerstückelte Menschenbild wieder ganz zurückgewinnen.“

WIR BRAUCHEN DEN FEUERSCHUTZ DER BÜRGERINITIATIVEN

„Man lässt uns Wissenschaftler in Ausschüssen reden, aber ob wir gehört werden, das bestimmt die Tagespolitik. Hier brauchen wir den Feuerschutz einer ideenreichen Fußtruppe von Bürgerinitiativen.“

„In unserer Verfassung steht sinngemäß „Alle Macht geht vom Volke aus.“ Deshalb ist die größte Macht im Staate die Trägheit ihrer Bürger. Mit Trägheit kann man auch eine Demokratie fast absolut regieren.“

„Das, was uns die Technik zerstört, kann uns keine Technologie wieder erstehen lassen.“

Bernd Lötsch hat diese Rede am 17. Jänner 1973 im randvollen Auditorium Maximum der Universität Wien gehalten, im Rahmen eines Informationsabends mit dem Titel „Lobau soll sterben“; in Anwesenheit von Nobelpreisträger Konrad Lorenz, Studenten und Professoren der Zoologischen und Botanischen Institute, Beamten der Niederösterreichischen Landesregierung, sowie den Mitgliedern und Freunden der Bürgerinitiative „Lobau darf nicht sterben!“.

Seitdem sind fünfzig (!) Jahre vergangenen. Die Stadtpolitiker haben nichts dazugelernt.

Die Reißbrettstadt ist nach wie vor en vogue, Straßenbau gilt wie damals als Fortschritt, die Lobau wird erneut von einer Autobahn bedroht, obendrein von Austrocknung, von Verlandung, vom Verlust an Tieren- und Pflanzenarten und von Politikern, die sich bevorzugt vor Sprühnebelduschen, Sitzinseln und Pflanztrögen fotografieren lassen und den Wiener Anteil des Nationalparks Donau-Auen bereits aufgegeben zu haben scheinen.

Das Gebiet würde austrocknen, heißt es, damit habe man sich abzufinden. Immerhin würde man hier ja auch künftig noch radeln und picknicken können.

Foto: Alice Schumacher, NHM Wien
Quelle: Tonbandaufzeichnung vom 17.1.1973 (Privatarchiv Bernd Lötsch bzw. Österreichische Mediathek)

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